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Eröffnung der Stadtverordnetenversammlung am 2. Juli

Am 2. Juli wurde die Stadtverordnetenversammlung in Bremerhaven eröffnet. Die Eröffnungsrede hielt als Alterspräsidentin Heidemarie Schröder, Stadtverordente der Fraktion DIE LINKE.

Ihre Rede zur Eröffnung:

Ich begrüße Sie alle hier im Saal und heiße Sie zu Beginn der 20. Wahlperiode zur Eröffnung der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung ganz herzlich willkommen.

Dass mir als älteste Stadtverordnete dieser Wahlperiode die Aufgabe übertragen wurde, diese Versammlung zu eröffnen, macht mir Freude und mich auch ein wenig stolz, denn nach meinen Informationen ist es das erste Mal, dass eine Frau die Eröffnungsrede hält – 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechtes im Zuge der Revolution 1919.

Ich möchte Sie nicht mit den verschiedenen gesetzlichen Grundlagen und Paragraphen dafür langweilen, sondern Ihnen meine kurze, wahre Geschichte vortragen. Vielleicht gelingt es mir damit, den einen oder anderen Menschen zum Nachdenken zu bringen, denn die Entwicklung in Bremerhaven und in der Welt ähnelt meiner Geschichte in vielen Bereichen.

Meine Geburtsstadt ist Stettin im heutigen Polen. Als ich zwei Jahre alt war, wurden Frauen und Kinder wegen der Bombenangriffe aus Stettin evakuiert – Angriffe, die ausgelöst wurden durch den verbrecherischen Angriffskrieg des Nazi-Regimes. Seitdem wohnten wir in der späteren DDR.

Im Januar 1949 kam ich mit meinen Eltern und Geschwistern als Flüchtling in die Bundesrepublik. Obwohl wir Deutsche waren, hörten wir immer wieder, wir seien „Pollaken und sollten dahin gehen wo wir herkamen“. Zum Spielen hatten wir beispielsweise  von einheimischen Kindern getrennte Schulhöfe; gewohnt haben wir meistens in alten Kasernen.

Als zehntes Kind einer überzeugten sozialdemokratischen Familie habe ich erfahren – aber nicht verstanden – wie es ist, wenn Eltern im Untergrund gegen ein bestehendes, verbrecherisches Regime kämpfen.

Ich habe miterlebt und auch verstanden wie es ist, wenn Menschen die Gründung eines stalinistischen – nicht sozialistischen - Staatssystems verhindern wollen. Und ich habe die Folgen der Flucht aus einem zerstörten und unsicheren Land – der späteren DDR – zu spüren bekommen: zum Beispiel durch Ausgrenzung, keine Kontakte mit den Einheimischen, Unterbringung in ehemaligen Konzentrationslagern oder Kasernen, Mensch zweiter Klasse zu sein.

Damals – 1949 – wurde mir bewusst, wie Ausgrenzung, Respektlosigkeit und Verstöße gegen die Menschenwürde Menschen verderben oder vernichten, wie sie Wut und Verzweiflung auslösen können. Mein Vater starb 1963 – er hat glücklicherweise die großen Fehler der demokratischen Parteien, die bis heute nachwirken und das Erstarken der neuen Rechten möglich machten, nicht mehr erlebt.

Eine richtige Heimat fand ich in der Bundesrepublik nie – höchstens liebens- und lebenswerte Orte, an denen ich mich wohlfühlte. Ein solcher Ort könnte für mich Bremerhaven sein – eine überwiegend bunte, tolerante Stadt, in der jeder Mensch willkommen sein sollte. Eine Stadt, in der jede Person ohne Angst vor Diskriminierung, Ausgrenzung, Rassismus, Sexismus, Intoleranz in Freiheit leben könnte und vor Übergriffen jeder Art geschützt wird.

Perfekt ist diese Stadt nicht, wird sie wohl auch nie sein, aber wir sollten gemeinsam dafür kämpfen, dass die antidemokratischen, menschenverachtenden und/oder gewaltbereiten Kräfte in unserem Bremerhaven niemals die Oberhand gewinnen.

Die neuen und alten Rechten sind nicht die Ursache für die Bedrohung unserer Demokratie – sie sind ein Symptom dafür.

Die eigentliche Ursache liegt in der zunehmenden Armut von Menschen in allen Altersklassen. Betroffen davon sind ganz besonders Kinder, Alleinerziehende und Rentner*innen, also insbesondere Frauen. Im Land Bremen – vor allem in Bremerhaven – ist die Armut besonders zu spüren.

Wer von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen ist, zieht sich zurück oder wendet sich den Parteien und Gruppen zu, die falsche Sündenböcke für die Zustände präsentieren und Heilsversprechen ohne Grundlagen abgeben – die die Armut vieler nur für ihre Machtspiele ausnutzen.

Soziale Gerechtigkeit darf keine leere Phrase sein, sondern soll ein menschenwürdiges Leben für alle ermöglichen.

Dazu gehört in erster Linie die Möglichkeit, sich frei entfalten, seine Fähigkeiten und Talente entdecken zu können.

Dazu gehört Arbeit zu guten Bedingungen, ausreichender Bezahlung und vor allem einer Wertschätzung, die keinen Unterschied macht zwischen Personal, das die Drecksarbeit leistet und Akademiker*innen in den Führungsebenen.

Dazu gehört Bildung  für alle Menschen von der Kindertagesstätte bis ans Lebensende ohne Leistungsdruck und finanzieller Abhängigkeit. Dazu gehört menschenwürdiges Wohnen in bezahlbaren, nicht gesundheitsschädlichen Räumen, die eine Privatsphäre zulassen.

Dazu gehört eine ausreichende, uneingeschränkte Daseinsvorsoge, z. B. Gesundheits-, Rettungs-, Feuerwehr- und Polizeidienste sowie Versorgung mit Energie wie Wasser, Strom, Heizung.

Dazu gehört die bezahlbare oder kostenlose Teilhabe am kulturellen, politischen und sportlichen Leben.

Die Bürger*innen Bremerhavens werden alle gewählten Vertreter*innen dieser Versammlung und des Magistrats hoffentlich genau beobachten, ob sie das, was sie in den Programmen versprochen haben, auch umsetzen werden.

Dass wir in der Stadtverordnetenversammlung miteinander respektvoll, offen und ehrlich umgehen, möchte ich nicht extra einfordern, das  sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Ebenso selbstverständlich erwarte ich, dass wir eine Person ausreden lassen und ihr aufmerksam zuhören.

Was ich aber einfordern möchte, ist eine bessere Bürger*innenbeteiligung und mehr Transparenz vor der Schaffung von Tatsachen, wenn es um die Belange der Menschen in Bremerhaven und der Gestaltung der Stadt geht.

Ich danke allen, die mir zugehört haben.


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