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Foto: KDiegritz

Katharina Diegritz

Ohne kUNSt und Kultur wird`s still

Die neuen Kontaktbeschränkungen, die im Monat November gelten werden und die damit einhergehende Schließung der Gastronomie und sämtlicher Kulturstätten wie Theater, Opernhäuser und Kinos, wird die Kulturnation Deutschland in negativer Weise verändern. Im Folgenden befasse ich mich mit der Sinnhaftigkeit der neuen, am 28.10. beschlossenen Vorkehrungen zur Eindämmung des Virus. Das, was hier über die Kulturbranche, speziell den Musiksektor, gesagt wird, lässt sich auf andere Branchen übertragen.

Zunächst einmal sei gesagt, dass die Pandemie weiter eingedämmt werden muss. Die Zahlen sind gestiegen und es muss - und das auch zuallererst - gewährleistet werden, dass unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht. Die Krankheit ist auf keinen Fall zu verharmlosen und es ist klar, dass Schritte unternommen werden müssen und mussten, um der Pandemie (wieder zeitweise) Herr zu werden.

Dennoch muss es möglich sein, die nun mit den Ministerpräsidenten der Länder beschlossenen neuen lockdownähnlichen Vorkehrungen zu kritisieren.

1. Jedes Theater, jedes Opernhaus und jede anders geartete, dauerhaft und professionell bespielte Institution (davon ausgenommen sind einmalig stattgefundene Events wie das Abschlusskonzert von „Jugend musiziert“) hat seit Monaten ein Konzept entwickelt, das es ermöglichte, unter den krudesten und für Kulturschaffende eingeschränktesten Maßnahmen zum Schutze der Allgemeinheit und der eigenen Gesundheit, zu spielen und mit stark eingeschränkten Planungen wieder Kultur erlebbar zu machen. Die Theater- und Konzerthäuser waren ausgebucht. Einzelne Veranstaltungen mussten vier Mal gespielt werden, um die Nachfrage zu decken. Das Sicherheitskonzept für ein kleines Haus umfasste zehn Seiten und wurde täglich aktualisiert.

Diese Konzepte haben funktioniert und würden weiterhin funktionieren. Viel Geld wurde für Messungen ausgegeben, viele Konstrukte gebaut, um Abstände, die teilweise nicht wissenschaftlich belegt waren, einhalten zu können, (vgl. hierzu _ und _) . Die Abstände zu Kolleg*innen waren so weit, dass ein Klangerlebnis unter den Musiker*innen nicht mehr möglich war. Dennoch konnte musiziert werden und etwas dargeboten werden. Dass nun diese funktionierenden Systeme blockiert werden, ist ein Hohn.

2. Es wird angeführt, man wisse ob der Wirksamkeit erarbeiteter Konzepte von Theatern, Musikschulen, Openhäusern und Konzertveranstaltern. Dennoch müsse man schließen, damit sich weniger Menschen im öffentlichen Raum bewegen. Dieses Argument darf aber nicht zur Folge haben, dass Kulturinstitutionen schließen. Die Menschen kamen dort alleine hin, da die Plätze teilweise nur zu 1/3 ausgelastet waren und nur Menschen aus einem Haushalt zusammensitzen durften. Menschen, die eine Kuturinstitution aufsuchen, kommen nie alle aus einer Richtung und auch nie mit den gleichen Verkehrsmitteln.

3. Die Symbolpolitik, welche in diesem neuen Sicherheitskonzept steckt, ist unverhältnismäßig. Und nochmal: Ja, die Pandemie muss eingedämmt werden. Da ein vollständiger Lockdown - mit Schließung der Schulen, Kindergärten, Kitas und sämtlichen Geschäften nicht möglich ist, muss es möglich sein, auch Kulturbetriebe am Laufen zu halten. Die[se] Branche erzielte im Jahr 2019 eine Bruttowertschöpfung von schätzungsweise 106,4 Milliarden Euro (+ 3, 5 Prozent gegenüber 2018) und einen Umsatz von 174,1 Milliarden Euro (+1,77 Prozent gegenüber 2018). Über 258.790 Unternehmen und über 1,2 Millionen Kernerwerbstätige sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig.

Die Quote der Selbstständigen ist mit 20,9 Prozent außergewöhnlich hoch (vgl. _)  . Nur aufgrund der fehlenden Lobby darf eine solche Entscheidung nicht getroffen werden. Schon garnicht darf sie für vier Wochen getroffen werden.

4. Den Künstlern, Kunst- und Kulturinstitutionen und Gastronomen wurden weitere Hilfen zugesichert. Auf die Hilfen des ersten Lockdwons warten einige Kolleg*innen immernoch. Bezugnehmend auf diesen Text, stelle ich die Vermutung an, dass bei der erneuten Situation nicht wirklich etwas zu erwarten ist. Die Förderungen müssen klar, einfach zu beantragen und nicht rückzuzahlen sein.

„ Wie von den Alarmstufe-Rot-Organisator*innen geschildert wurde und in diesem Moment wieder auf die Straße getragen wird, ist die Lage ungeheuer dramatisch. Umsatzeinbrüche von 80 bis 100 Prozent sind seit Monaten für Mehrheiten in dieser vielschichtigen Branche real. Kultur, Gastronomie, Bühnen-, Medien- und Filmarbeit - für die diversen am schärfsten von Shutdowns betroffenen Gewerbe müssen Altmaier und Scholz JETZT massive Wirtschaftshilfen freigeben. Es braucht außerdem ohne jeden Zweifel eine ausreichende Existenzsicherung in der Krise ("Unternehmer*innenlohn") statt Verweis auf Hartz IV. Jetzt, nicht erst nächstes Jahr. Die eigenen Reserven und Mittel der Betroffenen, um in dieser unverschuldeten Misere zu bestehen, sind erschöpft.“
Doris Achelwilm (28.10.20)

5. Als Kulturschaffende muss ich solidarisch mit meiner Branche sein, die nicht so viele Fürsprecher (im Sinne einer Lobby) hat, was ein Systemproblem ist, welches zu späterer Zeit geklärt werden muss. Dieser letzte Punkt soll ausdrücken, dass viele Kolleg*innen es fatal finden, unter dem Begriff „Freizeitgestaltung“ aufgeführt zu werden. Das möchte ich aus Solidarität mit einfließen lassen.

Abschließend bleibt zu sagen: Die Maßnahmen sind so für die Kulturbranche nicht hinnehmbar. Sie sind unverhältnismäßig. Sie sind symbolpolitisch, werden zu wenig nachweisbare positive Folgen nach sich ziehen und weisen Inkonsequenz auf. So kann man sie - als Kulturschaffende - nicht akzeptieren.

Katharina Diegritz